Geschichte und Mystik
Bei Kelten und Germanen erfreuten sich die Schlüsselblumen hoher Wertschätzung. Als einer der ersten, die sich im Frühjahr zeigen, hatten sie die Macht, die Dämonen der dunklen Jahreszeit zu vertreiben und gleichzeitig konnte man mit ihr die Feen anlocken. Keltische Druiden verwendeten sie zusammen mit anderen Kräutern für ihren Trank der Begeisterung, dem eine berauschende und heilende Wirkung zugesprochen wurde.
Für Hildegard von Bingen, die große Heilkundige Frau des Mittelalters war die Schlüsselblume eine Sonnenpflanze: „Sie ist warm und hat ihre ganze Grünkraft vom Scheitelstand der Sonne“; mit dieser Sonnenkraft konnte sie die Melancholie vertreiben. Übers Herz gebunden, sollte sie auch gegen Wahnvorstellungen helfen. In der Volksheilkunde wurde sie vielfach gegen die Gichtgeister und gegen Schlaganfall und dessen Lähmungsfolgen verwendet. Außerdem galt die Schlüsselblume als Schönheitsmittel, das Falten, Runzeln und Sommersprossen verschwinden lassen konnte.
In einer Sage wird von einem Kuhhirten berichtet, der eine Schlüsselblume auf seinen Hut steckte. Doch bald wurde ihm der Hut immer schwerer, und er entdeckte, dass die Blume sich in einen silbernen Schlüssel verwandelt hatte. Im gleichen Moment stand eine Jungfrau vor ihm und sagte, er solle eine Türe aufschließen, die bisher verborgen war. Von drinnen solle er mitnehmen, was er wolle, aber das Beste nicht vergessen. Der Hirte tat, wie ihm geheißen und füllte seine Säcke, aber das Beste – die Schlüsselblume – ließ er liegen.
Eine andere Geschichte berichtet, wie die Schlüsselblume zu ihrem Namen kam: Petrus war etwas schusselig gewesen und hatte den Himmelsschlüssel fallen lassen. Er war bis runter auf die Erde gefallen. So sandte er alle himmlischen Heerscharen aus, um den wichtigen Schlüssel wieder zu finden. Doch der Schlüssel war auf eine Wiese gefallen, und dort waren Tausende und Abertausende von Blümchen gewachsen, die alle aussahen wie Petrus Schlüssel. Von da an wurden diese Kräutlein Schlüsselblumen genannt.
Schlüsselblumen sind reich an Saponinen. Diese verbessern die Aufnahmefähigkeit des Körpers für andere pflanzliche Wirkstoffe; sie sind sozusagen der Schlüssel, der die Tür für andere Wirkstoffe öffnet.
Botanik
Die Schlüsselblume (primula veris) kommt nahezu in ganz Europa vor: man findet sie in Laubwäldern, Wiesen, Gebüschen, Waldrändern, im lockeren, kalkhaltigen Boden, vor allem an sonnigen Plätzen. Aus einer Blattrosette mit ovalen, runzligen, unterseits flaumig behaarten Blättern erhebt sich im April / Mai der Blütenstängel 10 – 25 cm hoch. Die Blüten wachsen in Dolden, sind dottergelb mit orangefarbenem Schlund und duften intensiv.
Die hohe Schlüsselblume (primula elatior) wird bis zu 30 cm hoch, die Blüten sind blassgelb mit goldgelbem Schlund, sie riechen nur schwach.
Die Wurzeln beider Arten stehen unter Naturschutz! Nur die Blüten dürfen geerntet werden, dabei immer den Kelch mitnehmen, da er reich an Wirkstoffen (Saponinen) ist. Die Wurzeln enthalten am meisten Saponine und sind in der Apotheke erhältlich. .
Inhaltsstoffe
Saponine, Flavonoide, Vitamin C, Gerbstoffe, Kieselsäure, ätherisches Öl
Verwendung
Bei Bronchitis, vor allem auch bei Kinder, chronischer Bronchitis, Altershusten als Tee; Saponine lösen festsitzendes Sekret in den Bronchien und lassen abhusten. Äußerlich bei Rheuma und Gichtbeschwerden (Kompressen); die Blüten wirken beruhigen, schlaffördernd und unterstützend bei Depressionen. Blüten und Wurzeln regen die Stoffwechseltätigkeit an, sind schweißtreibend und mild harntreibend.
Nebenwirkungen / Gegenanzeigen
Bei Überdosierung sind Magenbeschwerden und Übelkeit möglich. Nicht bei Allergie und nicht in der Schwangerschaft anwenden.
Rezepte
Tee
Blüten: 1 TL auf 1 Tasse Wasser, mit heißem Wasser übergießen und 7 Min. abgedeckt ziehen lassen. Wurzeln: ¼ TL grob gepulverte oder fein geschnittene Wurzel auf 2 Tassen kaltes Wasser; erhitzen, zum Kochen bringen und 5 Minuten ziehen lassen, abseihen.
Über den Tag verteilt mehrere Tassen trinken.
Hustentee
Je 20 g Schlüsselblumenblüten mit Kelch, Gänseblümchenblüten, Spitzwegerichblätter, 10 g Veilchenblüten, 30 g Fenchelsamen frisch gemörsert. 1 EL der Mischung mit ¼ l heißem Wasser übergießen, abgedeckt ziehen lassen, abseihen. Mit Honig süßen und möglichst heiß trinken.
Hustenhonig
Im Laufe des Frühlings werden hierfür Schicht für Schicht je eine Lage Kräuter und dünnflüssigen Honig (z. B. Akazienhonig) in ein Glas eingefüllt: angefangen mit Huflattichblüten, Veilchenblüten, Gänseblümchenblüten, Schlüsselblumenblüten mit Kelch, junge Spitzwegerichblätter, im Mai Tannen oder Fichtensprossen und später Königskerzenblüten und blühender Thymian.
Die letzte Schicht gut überdecken mit Honig und noch 2 Wochen am sonnigen Fensterbrett stehen lassen. Anschließend abseihen und in kleine Gläser einfüllen. Dosierung: 3 – 4 Mal pro Tag einen Teelöffel.
Trank der Begeisterung
Je eine Handvoll frisch gepflückte Blüten von Schlüsselblume, Gänseblümchen, Veilchen und eine halbe Handvoll Huflattich mit ¾ l guten Bio-Weißwein übergießen, kurz zum Kochen bringen und zugedeckt ziehen und erkalten lassen. Durch ein Tuch in eine Glaskaraffe filtern und kühl stellen. Mittags und abends ein Likörgläschen voll vertreibt trübsinnige Gedanken, beflügelt den Geist und weckt die Lebensgeister.
Zusammenstellung: Marga Baldas-Posavac und Carola Weymann
Quellen: Das große Buch der Heilpflanzen, Pahlow; Heilmittel der Sonne, O. Rippe; Medizin der Erde, Susanne Fischer-Rizzi; Praxis-Lehrbuch der modernen Pflanzenheilkunde, Ursel Bühring |